Was Sie in diesem Artikel erfahren

Braucht Ihr Unternehmen eine mobile App? Gibt es dazu Alternativen? In diesem Artikel lesen Sie, was Sie beachten sollten, bevor Sie für Ihr Unternehmen eine eigene mobile App planen und entwickeln (lassen). Ich zeige Ihnen anhand von Statistiken und Beispielen, dass es immer wichtiger wird, sich im Vorfeld ein paar konkrete Fragen zu stellen, um nicht Geld für eine App zum Fenster rauszuschmeißen, weil sie später niemand nutzen will. Am Ende des Artikels finden Sie eine leicht verständliche Hilfestellung für Ihren Abwägungsprozess.

“Jetzt App installieren!”…  “Zum Download unserer App hier klicken.” … “Lernen Sie noch heute unsere App kennen!” …  Es hat manchmal schon einen leicht verzweifelten Touch, wie einige Unternehmen sich bemühen, ihre Apps unters Volk zu bringen. Dabei wollte ich nur mal eben eine News lesen, eine Palette Druckerpapier bestellen oder mir bei meinem Mobilfunk-Anbieter meine letzte Monats-Rechnung ansehen. Kaum erledige ich solche Aufgaben über mein Smartphone, meinen diese Schlauberger, ich würde mir wohl gerade nichts sehnlicher wünschen, als meine knappe Zeit und Aufmerksamkeit der Installation einer weiteren App zu widmen. 

“NEIN!”, will ich das Display meines Smartphones anschreien, “Ich möchte diese verd… App jetzt nicht installieren! Ich will hier einfach nur vorankommen und fertig werden. Was spricht denn bitteschön dagegen, dass ich das, was ich gerade vor habe, schlicht und ergreifend über eure mobile Website erledige!?” Und damit bin ich auch schon mitten drin im Thema meines heutigen Artikels: App oder nicht App, das ist hier nämlich die Frage. Oder nein, eigentlich lautet sie etwas anders:

Kaum erledige ich solche Aufgaben über mein Smartphone, meinen diese Schlauberger, ich würde mir wohl gerade nichts sehnlicher wünschen, als meine knappe Zeit und Aufmerksamkeit der Installation einer weiteren App zu widmen. 

“Braucht unser Unternehmen nicht auch eine mobile App?”

Diese Frage höre ich immer wieder, wenn ich mit Geschäftsführern oder Marketingverantwortlichen mittelständischer Unternehmen über das eine oder andere Internetprojekt spreche. Meine Reaktion darauf war und ist stets etwas verhalten. Natürlich hört es sich erstmal beeindruckend an, wenn ein Unternehmen auf eine eigene Smartphone-App verweisen kann.

“Uuuuih… wir haben da ganz was Geiles im App-Store! Unbedingt mal installieren”. Ja, es stimmt schon, dass die Anwendungen für die Hosentasche, die man sich meist sogar kostenlos auf sein Gerät laden kann, in den letzten 10 Jahren einen beeindruckenden Siegeszug hingelegt haben. Wahrscheinlich fühlt man sich auch deshalb als Unternehmer manchmal unter einem gewissen Druck, in der Richtung auch etwas vorweisen zu können. Falls Sie diesen Druck verspüren oder sich zumindest schon einmal gefragt haben, ob Ihr Unternehmen eine App braucht oder nicht, kann ich heute vielleicht eine kleine Last von Ihren Schultern nehmen. Denn was das Thema “Apps” angeht, gibt es interessante Entwicklungen, die Sie bei Ihrer digitalen Strategie berücksichtigen sollten, weil …

Die fetten Jahre sind vorbei.

Ja, die fetten Jahre der Apps scheinen vorbei zu sein. Das jedenfalls geht aus einer Erhebung von Adobe Digital Insights hervor, wonach die Zahl der App-Neuinstallationen zwischen Dezember 2014 und Dezember 2016 grundsätzlich abgenommen hat. In Europa, insbesondere in Deutschland, zeigt sich der Negativtrend zwar noch nicht sehr deutlich (Die Zahl der Neuinstallationen ist um 5% eingebrochen). Gehen wir aber einmal davon aus, dass – wie so oft – Entwicklungen und Gewohnheiten aus den USA früher oder später auch zu uns hinüberschwappen, dann dürfte hier ein merklicher Absturz nicht mehr lange auf sich warten lassen. In den USA ist die Zahl der App-Neuinstallationen seit 2014 nämlich schon um satte 38% eingebrochen.

Adobe-Studie zur Entwicklung von App-Installationen. Quelle: http://t3n.de/news/adobe-studie-apps-799908/

Quelle: t3n.de (Stand 12.10.2017)

30 Apps braucht der Mensch

Aus einer kürzlich vom Marktforschungsunternehmen App Annie veröffentlichten Studie geht zudem hervor, dass trotz des oben beschriebenen Einbruchs der Neu-Installationen die Gesamt-Nutzungsdauer von Apps deutlich gestiegen ist und auch weiter steigt. D.h., wir installieren zwar tendenziell immer weniger neue Apps, aber einen Teil derer, die wir installiert haben, nutzen wir umso intensiver. Laut Studie managen wir so unser mobil-digitales Leben mit der monatlichen Nutzung von etwa 30 verschiedenen Apps, die wir auf unseren Smartphones installiert haben. Allerdings schleppen wir darüber hinaus noch zweimal so viel “App-Müll” mit uns herum. Das sind Apps, die wir irgendwann mal installiert haben, aber im Prinzip gar nicht nutzen. Sei es, weil sie nicht das Versprochene gehalten oder weil sie sich ganz einfach nicht als sinnvoll oder nützlich erwiesen haben. Das sind Produkte, die aus Nutzersicht meist so hilfreich sind wie eine Gabel zum Suppelöffeln.

„Das sind Produkte, die aus Nutzersicht meist so hilfreich sind wie eine Gabel zum Suppelöffeln.“

Wir schleppen zwei Drittel App-Müll mit uns herum

So befanden sich im 1. Quartal 2017 bei den beobachteten Smartphone-Nutzern im Schnitt rund 90 Apps auf dem Gerät, von denen aber gerade einmal ein Drittel regelmäßig genutzt wurde.

Statistik zur App-Nutzung. Quelle: https://www.appannie.com/de/

Quelle: App Annie  (Stand 12.10.2017)

Als App-Anbieter treffen Sie auf ein ungeduldiges, verwöhntes und wählerisches Publikum!

Vorsicht also, falls Sie vorhaben sollten, eine eigene App ins Leben zu rufen. Die Menschen sind verwöhnt, wählerisch und extrem ungeduldig. Sie denken immer mehr darüber nach, ob und wenn ja, welche Apps sie sich für einen bestimmten Anwendungsfall auf ihrem Smartphone installieren und auch tatsächlich nutzen. Zeit für Installation und Einarbeitung wollen sich viele nicht mehr nehmen, sondern einfach on-demand ihre Aufgaben erledigen. Dafür reichen meist für den mobilen Einsatz optimierte Websites bzw. Anwendungen.

Als Anbieter einer App gehen Sie also grundsätzlich das Risiko ein, einen möglicherweise kostspieligen Ladenhüter zu entwickeln, der sich bestenfalls als virtueller Staubfänger in den einschlägigen App-Stores eignet.

Lösung: Klären Sie ab, ob es tatsächlich eine App sein muss.

Dieses Risiko können Sie vermeiden, indem sie vorab klären, ob Ihr Vorhaben tatsächlich den Einsatz einer sogenannten “nativen App” erfordert. Native Apps sind meist solche, die Sie aus den App-Stores kennen und die Sie sich auf Ihrem Smartphone installieren. Dem gegenüber stehen die sogenannten Web-Apps. Diese werden nicht auf dem Smartphone installiert, sondern man ruft sie ganz einfach über den mobilen Internetbrowser des Smartphones auf einem entfernten Server auf, mit dem man sich online verbindet.

Nachfolgend eine vereinfachte Darstellung der unterschiedlichen Arbeitsweisen von nativen Apps und Web-Apps:

Schaubild: Unterschied bei der Nutzung von nativen Apps und Web-Apps.

Vieles kann mit reiner Web-Technik gelöst werden.

Man kann pauschal nicht sagen, dass eine der beiden App-Varianten besser oder schlechter wäre als die andere. Das hängt beim jetzigen Stand der Technik meist vom konkreten Einsatzgebiet und den Anforderungen ab. Erfreulicherweise ist die Web-Technik so weit vorangeschritten, dass man heutzutage viele komplexe Anforderungen mit Methoden und Techniken aus der Webentwicklung abdecken kann.

Weil native Apps immer auf dem Gerät installiert werden, haben sie eine besondere Nähe zur Hardware. D.h., sie können z.B. schnell mit Kamera, Mikrofon, GPS oder sonstigen Sensoren des Geräts interagieren. Sie können prinzipiell offline verwendet werden  und die Prozessor-Ressourcen des Geräts direkt und effizient nutzen. Der Offline-Gebrauch, also die Nutzung ohne aktive Internetverbindung, funktioniert problemlos allerdings nur, wenn die App zur Laufzeit nicht auf entferne Datenbanken oder Programmieranweisungen zugreifen muss.

Bei Web-Apps geht das so ohne Weiteres nicht, denn eine Web-App funktioniert grundsätzlich wie eine Internetseite. Sie starten einen Browser, geben die URL ein und werden dann mit dem entsprechenden Server bzw. mit der darauf laufenden Anwendung verbunden. Da kann es dann schon mal zu kleineren Wartezeiten oder Ruckeleien kommen.

Wer hat schon Lust, sich erst eine App zu installieren, bevor er ein paar Schuhe, eine Pizza oder eine Palette Druckerpapier bestellt?

Sehen Sie die oben aufgezeigten Eigenschaften einer Web-App jetzt nicht zwingend als Nachteil. Es hängt alles mit den tatsächlichen Anforderungen zusammen und man kann hier mit entsprechenden Vorkehrungen sehr gute Ergebnisse erzielen. Wollen Sie z.B. ein Nachschlagewerk, eine Newsplattform, einen Blog, Katalog, Shop oder eine Suchmaschine anbieten, dann wäre das erstmal kein klassischer Anwendungsfall für eine native App, sondern könnte wunderbar auch mit einer mobil optimierten Website bzw. Web-App dargestellt werden.

Sollten Sie jedoch beim Briefing mit Ihren Experten zu dem Schluss kommen, dass kein Weg an einer nativen App vorbei führt, dann müssen Sie sich über folgendes im Klaren sein:

App ist nicht gleich App

Es gibt zwei nennenswerte mobile Plattformen, auf denen native Apps installiert werden können. Die eine ist iOS, also das Betriebssystem des iPhones. Die andere heißt android und ist das Betriebsystem der meisten anderen Smartphones, z.B. von Samsung, Sony, HTC, Huawei, etc… Wenn Sie nun eine native App in Umlauf bringen wollen, dann kommen Sie in der Regel nicht umhin, dies mindestens für die beiden genannten Plattformen zu tun. Das heißt: Sie benötigen einen Entwickler, der auf android Apps spezialisiert ist und einen, der sich mit iOS Apps auskennt. Ob der Unterschied zwischen den beiden Plattformen denn so groß ist? Oh ja! Beide erfordern die Kenntnis unterschiedlicher Programmiersprachen und warten zudem mit verschiedenen Paketen aus Werkzeugen, Programmen und Dokumentationen auf.

Wieviele Experten hätten’s denn gern?

Je nach Größe und Komplexität des Projekts wird ein Experte pro Plattform auch nicht reichen, sondern Sie müssen das von entsprechend spezialisierten Teams machen lassen, die dann auch noch Hand in Hand mit Ihren Internet-Entwicklern arbeiten. Denn in der Regel benötigen Apps zusätzlich noch Zugriff auf ein sogenanntes Server-Backend. Das sind Daten, Verzeichnisse oder Programmieranweisungen, die nicht in der App, sondern auf einem Server hinterlegt sind. Zusammenfassend gesagt: wer eine App anbietet, der braucht mindestens drei verschiedene Experten(-Teams), jeweils für iOS, android und Web-Server. Und da sich die Technik permanent weiterentwickelt, müssen all diese drei Komponenten regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden. Langeweile wird da sicher nicht aufkommen.

Lohnt sich dieser ganze Aufwand?

Sie können sich bestimmt vorstellen, dass eine Orchestrierung so vieler Experten nicht gerade billig ist. Dazu kommt dann auch noch das Risiko, etwas zu entwickeln, worin die Nutzer nachher gar keinen echten Mehrwert sehen. Also gilt es, besonders gut abzuwägen, ob man für eine bestimmte Lösung tatsächlich eine mobile App entwickeln muss oder ob man rein auf moderne Web-Technik setzt.

„Verstehen Sie mich dabei nicht falsch. Es gibt immer wieder tolle Ideen und Beispiele für erfolgreiche Apps und ich will Ihnen gar nichts aus- oder schlechtreden. Ich möchte Ihnen hier lediglich eine Entscheidungshilfe geben, falls die Frage “App oder nicht App” auch für Sie ein Thema sein sollte.“

Nachfolgend habe ich Ihnen einen Entscheidungsbaum gebastelt, der Ihnen beim Abwägungsprozess für oder gegen eine App helfen kann. Unter „App“ verstehe ich in diesem Entscheidungsbaum die sogenannten nativen Apps, wie ich sie weiter oben beschrieben habe.

Klicken Sie hier oder auf die Grafik unten, um sich den Entscheidungsbaum als PDF-Datei herunterzuladen.

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Epilog

Ich habe Ihnen diesen Artikel nicht einfach aus meiner persönlichen Sichtweise als App-Nutzer geschrieben. Diesbezüglich haben Sie sicher selbst schon Ihre Erfahrung gemacht und sich Ihre Meinung gebildet. Vielmehr sehe ich die Kombination aus Zahlen und Fakten der zitierten Studien und meine unternehmerische Erfahrung bei der Planung, Entwicklung und Vermarktung von Apps (sowohl nativ als auch webbasiert) als die entscheidende und hilfreiche Information, die Sie für sich und Ihre Entscheidungsfindung mitnehmen sollen. Lassen Sie sich dabei von meinen liebevollen Seitenhieben auf die App-Szene nicht irritieren. Es geht mir absolut nicht darum, auf irgendein System einzuprügeln. Am Ende zählt, dass Sie ein grundlegendes Verständnis für die Materie entwickeln und sich bei Ihrem Vorhaben die richtigen Fragen stellen. Nur so können Sie zu einer fundierten Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes System kommen und Ihre finanziellen Mittel und personellen Kapazitäten optimal und gewinnbringend einsetzen. Ich hoffe, dass ich dazu heute einen kleinen Beitrag leisten konnte.