Gehören Sie auch zu den etwas verunsicherten Gewerbetreibenden, deren Resultate aus Suchmaschinen- und Social-Media-Aktivitäten seit einiger Zeit stagnieren? Und das, obwohl Sie dort in den letzten Jahren kontinuierlich Aufwand auf gleichbleibendem Level investieren?

Dann habe ich gleich zwei gute Nachrichten für Sie.

ERSTENS: Sie sind damit nicht allein. Viele Unternehmen machen gerade die gleichen Erfahrungen. ZWEITENS: Ich kann Ihnen die Ursache für das Problem nennen. Begleiten Sie mich dafür auf eine nächtliche Reise, bei der vielleicht sogar Erinnerungen an Ihre eigene Jugendzeit wach werden. Normalerweise tanze ich nachts nicht durch die Diskotheken. Aber um Ihnen zu veranschaulichen, was gerade im Internet passiert, habe ich mal eine Ausnahme gemacht und mich ins Partygetümmel gestürzt.

In der Internet-Steinzeit – also vor ungefähr 20 Jahren – beschränkte man sich bei der Bekanntmachung des eigenen Internetauftritts auf die sogenannte “Suchmaschinenoptimierung”, kurz: SEO. Da musste man bei den Suchmaschinen (ja, davon gab es tatsächlich noch mehrere!) nur die Schlüsselwörter eintragen, unter denen man ganz oben in der Ergebnisliste gefunden werden wollte, und damit war die Sache erfolgreich erledigt.

Und wenn meine Konkurrenz 10 mal den Begriff “Internetagentur” als Schlüsselwort bei der Suchmaschine angemeldet hatte, dann meldete ich den Begriff halt 11 mal an. Und schon hatte ich eine höhere Relevanz und lag in den Suchmaschinen vor meinen Konkurrenten.

Früher war es im Internet wie in einer Disco weit vor Mitternacht.


Zu dieser Zeit, also in den 90er Jahren, war das Internet noch verhältnismäßig leer und provinziell. Im Nachhinein fühlte man sich dort so, als sei man viel zu früh in die Disco gekommen. Also lange vor Mitternacht. Die Stimmung war verhalten, und alle waren noch nüchtern. Auf der fast leeren Tanzfläche hüpfte etwas unbeholfen eine Handvoll Nerds herum. Die Musik war noch viel zu leise und zu uncool. Licht-, Laser- und Nebeleffekte liefen auf Sparflamme. Die Nerds mit ihren Röhrenjeans, Tennissocken und Adidas Sambas schien das nicht zu stören, sie gingen ab, als gäbe es kein Morgen. 

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Drumherum hingen ein paar zu früh gekommene Normalos ab, die das skurrile Treiben auf der Tanzfläche beobachteten – belustigt, aber auch irgendwie beeindruckt und neugierig.

Insgeheim sehnten sie wohl den passenden Song oder wenigstens den ausreichenden Alkoholpegel herbei, bei dem sie endlich die Tanzfläche entern und mittanzen würden. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand sagen, ob es ein geiler Abend oder der absolute Reinfall werden würde. Noch war der Lautstärkepegel so moderat, dass man sich bequem in Zimmerlautstärke unterhalten konnte. Bei den wenigen Leuten hatte man sich schnell jedes Gesicht gemerkt und sich sein Urteil gebildet. Man hatte ja auch beim Vorglühen genügend Zeit dafür, während man auf den richtigen Moment zum Mitmachen lauerte. Der dicke Biker hinten am Tresen ging schon zum dritten Mal pinkeln und seine wasserstoffblonde Freundin machte währenddessen erste Flirtversuche mit dem Barkeeper. Hinten in der dunklen Sitzecke unterhielten sich seit über einer Stunde einige Gruftis. Natürlich warteten sie darauf, dass der DJ endlich auch ihre Musik auflegen würde und warfen hin und wieder verächtliche Blicke auf die zappelnden Nerds. Und so wartete jeder auf seine Musik und seine Gelegenheit, während sich der Club allmählich füllte.

Heute ist es im Internet wie in einer Disco am frühen Morgen.


Es ist lange nach Mitternacht. Der Laden ist proppenvoll, ebenso wie das enthusiastisch feiernde Partyvolk. Alles tanzt exzessiv zu laut wummernden Beats und grell zuckenden Licht- und Lasereffekten.

Die Nebelmaschine bläst zischend weißen Qualm in den Raum und verströmt diesen typischen Disconebel-Geruch. Dieser paart sich mit Düften aus tausend verschiedenen Parfüms, Schweiß und verschütteten Drinks. Da die Tanzfläche aus allen Nähten platzt, wird mittlerweile überall getanzt: in den Gängen, Sitzgruppen, Nischen und sogar auf den Tischen und Klos. Kein Wunder, denn die Musik ist so laut, dass man sie bis in die letzten Winkel des Clubs hört.

Hier gibt es keine Chillout-Zonen mehr, wo man mal zur Ruhe kommen könnte.


Wer Ruhe will, muss nach Hause gehen und warten, bis der Pfeifton im Ohr nachlässt. Hier in dieser Disco, zu dieser Stunde scheint der ganze Körper ein einziger Resonanzraum zu sein.

Man fühlt sich wie eine wandelnde Lautsprecherbox, die den fetten Sound im Raum aufnimmt, verstärkt und an ihre Umgebung abgibt. Sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen – das gesamte menschliche Wahrnehmungsvermögen ist hoffnungslos überfordert. Normale Unterhaltungen? Fehlanzeige. Alle schreien sich nur noch an und nicken sich dabei zu, vorgebend, verstanden zu haben, was ihnen gerade ins Ohr gebrüllt wurde. Personen und Gesichter verschwimmen zu einer wabernden Masse, in der die Licht- und Laserstrahlen rühren wie ein Mixer in Kuchenteig. Das dazu blitzende Stroboskoplicht macht schließlich aus der ganzen Szenerie einen hypnotisierenden Stop-Motion-Film.

Anders als noch vor ein paar Stunden, als nur die fünf Nerds in verhältnismäßig beschaulicher Atmosphäre über die Tanzfläche hüpften, die Gruftis auf ihre Dark-Wave-Session warteten und die wasserstoffblonde Freundin des blasenschwachen Bikers mit dem Barkeeper flirtete, kann man sich jetzt kaum noch einzelne Gesichter einprägen. “Hey, haben wir nicht gerade auf dem Klo zusammen We are the Champions gesungen?” brüllt mir ein braungebrannter Hüne mit daumendicken Ohrlöchern und Rasputinbart ins Ohr. “Nee, Alter. Haben wir garantiert nicht! Und jetzt schieb’ ab!”, denke ich bei mir.


Ich bin müde und habe keine Lust und keine Energie mehr, um laut schreiend zu kommunizieren. Ich will nur noch nach Hause und ab ins Bett.

“Hey, haben wir nicht gerade auf dem Klo zusammen We are the Champions gesungen?”

Vielleicht dämmert Ihnen schon, worauf ich hinaus will.


Die Atmosphäre in der Disco hat sich zwischen 21:00 Uhr abends und 04:00 Uhr morgens gravierend verändert. Aus der ruhigen und beschaulichen Szenerie wurde nach und nach ein wildes und lautes Spektakel.

Und genau diesen Prozess hat das Internet im Laufe seiner bisherigen Existenz auch durchlaufen. Wer sich in diesem Getümmel also noch Gehör verschaffen oder gar auffallen will, muss sich etwas einfallen lassen, denn einfach nur bunter, lauter, schriller funktioniert nicht mehr.

Sogar die Betreiber der großen Social-Media-Plattformen reagieren mittlerweile auf diesen gestiegenen Lärmpegel, indem sie regulierend eingreifen.


Diese Regulierung sieht unter anderem vor, dass gar nicht mehr alles, was Menschen mit ihrem Netzwerk teilen, bei jedem in diesem Netzwerk ankommt. Es wird einfach schon so viel geteilt, dass die Qualität der Inhalte abzustürzen droht. Also sorgen die Social-Media-Betreiber dafür, dass nur noch besonders geeignete Inhalte zu den Empfängern durchgelassen werden.

Welche Inhalte das sind, wird zunehmend durch Algorithmen und Künstliche Intelligenz der Systeme bestimmt. Ähnlich komplex verhält es sich mit dem viel diskutierten Google-Algorithmus, also jenem ominösen Geheimcode, der darüber entscheidet, ob ein Unternehmen bei den Suchergebnissen weiter oben, weiter unten oder gar nicht erscheint. Auch hier wird ohne Unterlass von den Verantwortlichen getüftelt und reguliert, was das Zeug hält, um den stetig wachsenden Daten- und Informationsmengen eine Ordnung zu geben. Natürlich machen sie das aber auch, um Werbetreibenden ihre kostenpflichtigen Anzeigedienste schmackhaft zu machen. Nach dem Motto, wer für etwas zahlt, was früher kostenlos war, der bekommt doch noch die Chance, zu seiner Zielgruppe durchzudringen.

Sollten Sie sich also fragen, warum Ihre Suchmaschinen- und Social-Media-Performance in letzter Zeit trotz gewohnter Bemühungen bestenfalls stagniert, dann haben Sie jetzt ein Bild vor Augen, was momentan im Internet passiert.

In der Fortsetzung dieses Artikels werde ich demnächst darüber schreiben, welche Möglichkeiten es gibt, um trotz dieser Entwicklung gut am Ball zu bleiben.

Herzlichst, Ihr
Oliver Sonntag

 

Ich hoffe, Sie wachen morgen unverkatert auf! 😉