Steckt etwa sogar in mir ein Telemailfonierer? Oh nein, bitte nicht. Doch falls ja, wo ist der? Ich glaube, ich muss den mal suchen gehen.

Ich, als ich über 'Telemailfonie' nachdenke.

Was ist die Email doch für eine tolle, technische Errungenschaft. Ein Klick und ich versende in Sekundenschnelle ganze Konzeptpapiere, Präsentationen oder Filme an nahezu beliebig viele Empfänger auf der ganzen Welt, wann immer ich will. Und als Nachrichtenempfänger entscheide ich ebenfalls selbst, wann ich diese lese und beantworte. Ein Hoch also auf die asynchrone Kommunikation! Hier müssen Menschen nicht gleichzeitig am selben Ort oder im selben Kommunikationskanal sein, um miteinander zu kommunizieren, wie z.B. beim Telefonat oder einem persönlichen Treffen. Und alles geht so super easy und schnell. Gerade eben noch auf ‚Senden‘ geklickt und schon ist meine Nachricht im Posteingang des gewünschten Empfängers.

Doch ab hier fangen die Probleme an. Was bis hierher nämlich noch so locker-flockig und rasend schnell von der Hand ging, kann ab jetzt zu einer nervenaufreibenden Geduldsprobe werden. „Wann werde ich eine Antwort bekommen?“,  fragt sich der besorgte Versender. Denn wir haben ja mittlerweile auch gelernt, dass unser aller Mailboxen prall gefüllte Datenspeicher sind, in denen hin und wieder auch einmal Nachrichten verschüttgehen können. Oder – was für ein Horrorszenario – Nachrichten werden viel zu spät entdeckt und gelesen, weil sich im Posteingang unverschämterweise zig andere Mails vorgedrängelt haben. Und weiter bohren daher die Fragen in uns: „Wann werde ich eine Antwort bekommen? Werde ich überhaupt jemals eine Antwort bekommen?“

Doch die digitale Evolution hat bereits nach kurzer Zeit auch für dieses Problem eine Lösung hervorgebracht: die ‚Telemailfonie‘.

Diese weiterentwickelte Kommunikationsmethode, ein Mix aus Email und Telefon, sorgt dafür, dass eine Nachricht nicht nur in Sekundenschnelle beim Empfänger ist, sondern dieser sogar noch persönlich über den Eingang der Email informiert wird, noch BEVOR sie in seiner Mailbox gelandet ist. Quasi ein Frühwarnsystem für Nachrichteneingänge und meist Garant dafür, dass der Empfänger der besagten Nachricht auch seine vollste Aufmerksamkeit widmet. Was will man mehr? Um das Prinzip zu verdeutlichen, habe ich nachfolgend ein Telemailfonie-Protokoll abgebildet:

Büro Berlin. Freitag, 10:53 Uhr Ortszeit. Sitze am Schreibtisch. Bin gerade beschäftigt mit Denkarbeit. Da klingelt das Telefon. Ich geh‘ ran.

ANRUFER: Ja hallo, XXXXXXXX hier.
ICH: Guten Tag Herr XXXXXXXXX.
Stör‘ ich?
Äh, also … Naja, … worum geht’s denn?
Ich habe Ihnen gerade eine Email gesendet und wollte eigentlich nur wissen, ob Sie dazu noch Fragen haben.
Äh nein, weil …
Das ist ja super! Und bis wann könnten Sie dann fertig sein?
Fertig? Womit?
Na mit der Umsetzung der angefragten Funktionen.
Ja, äh, also … ich weiß nicht, weil …
Ist das denn so aufwändig? Ich dachte, das wäre gar nicht so aufwändig. Weil, … das ist ja quasi Standard, also heutzutage. Also ich meine, das sieht man ja mittlerweile fast überall. Verstehen Sie?
Nein, nicht so richtig. Oder besser gesagt … eigentlich gar nicht. Also ich weiß gar nicht, worum es geht.
Sie wissen gar nicht, worum es geht? Aber SIE sind doch der Experte.
Ja, schon. Nur wissen Sie, ich habe ja noch nicht einmal Ihre Mail gelesen, von der Sie hier sprechen.
Ach so? Ja… hm…
Wann haben Sie denn die Mail gesendet?
Na gerade eben. Kurz bevor ich angerufen habe.
Ach so, ja. (Pause) Steht denn in der Mail etwas drin, was Sie noch speziell erklären müssen?
Erklären? Was soll ich denn erklären?
Das weiß ich nicht. Weil ich ja, wie gesagt, noch nicht weiß, was in Ihrer Mail steht.
Ist sie denn jetzt angekommen?
Keine Ahnung, ich rufe gerade keine Emails ab.
Nein?
Nein.
Haben Sie gerade technische Probleme?
Nein, aber ich war gerade dabei, ein Konzept zu schreiben und da …
Ah verstehe. Na, man muss sich ja schließlich auch mal seine Auszeiten gönnen. Ein bißchen Erholung muss schon drin sein, was?! (lacht). Dann machen Sie mal in Ruhe Ihr Konzept fertig und rufen mich dann an, wenn Sie meine Mail gelesen haben.
Anrufen?
Na damit wir drüber reden können.
Aber vielleicht ist das ja gar nicht nötig. Wenn so weit alles klar ist, antworte ich einfach direkt auf Ihre Mail und schreibe Ihnen die wichtigsten Eckdaten da rein. Dann haben Sie es für Ihre Unterlagen gleich schriftlich dokumentiert.
Auch gut. Machen Sie das mal so. Und rufen Sie doch kurz durch, wenn Sie die Mail abgeschickt haben. Dann können wir nochmal Ihre Eckdaten besprechen. Ich bin nämlich gleich außer Haus. Wie lange sind Sie denn heute noch …
Naja, ich checke heute Abend auf dem Heimweg bestimmt einmal noch kurz meine Mails.
OK, dann melde ich mich bis dahin nochmal. Ich habe ja Ihre Mobilnummer.
Ist es denn wirklich so dringend, dass es nicht auch bis morgen …
Oh, sorry. Ich bekomme gerade einen wichtigen Anruf rein. Melde mich heute Abend. Tschüss und danke für’s schnelle Kümmern! (Klick)

Wie wir sehen, hat das Prinzip der Telemailfonie noch ein paar Schwächen, denn so richtig konstruktiv und effizient geht es dabei nicht zu. Aber hey, die Evolution braucht nun mal ihre Zeit, um die Dinge zu optimieren. Und während ich mich gerade frage, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass sich dieser etwas zweifelhafte Mix aus Email und sofortigem telefonischem Nachfassen noch weiter etabliert, muss ich mir etwas eingestehen: Gestern erst rief ich einen Geschäftspartner an und begrüßte ihn mit den Worten: „Du, sorry, dass ich störe, aber ich habe dir da gerade eine Email gesendet. Is‘ ganz wichtig. Kannst du mal kurz schauen …?“

Steckt etwa sogar in mir ein ‚Telemailfonierer‘? Oh nein, bitte nicht. Doch falls ja, wo ist der? Ich glaube, ich muss den mal suchen gehen. Bis später! Bin bald zurück.