Ich spreche mit Norbert Gronak, Dipl.-Ing. für Luft- und Raumfahrttechnik, über bewegende Flugmanöver, Unternehmensdigitalisierung und sein gespaltenes Verhältnis zu den sozialen Medien.

Ich werde ganz schön durchgeschüttelt, während unsere Boeing 737 im Tiefflug über die Bucht von San Francisco donnert. Es weht ein leicht böiger Wind. Das Wasser liegt zum Greifen nah nur wenige Meter unter uns wie ein blauer Teppich. Die Sonne ist vor einigen Minuten untergegangen und taucht den Himmel am Horizont in ein feuriges, prächtiges Farbenmeer. Eine bessere Kulisse hätte ich mir für unseren heutigen Flug nicht vorstellen können. Der Blick nach vorn aus dem Cockpitfenster ist beeindruckend. Wir fliegen so niedrig, dass wir die berühmte Gefängnisinsel Alcatraz quasi auf Augenhöhe passieren.

Nun ist höchste Konzentration angesagt, denn wir wagen heute ein ganz besonderes Flugmanöver: Mit einem Passagierjet unter der Golden Gate Bridge hindurch.

Das wird spannend! Ich halte das Steuerhorn fest in den Händen. Mein Co-Pilot unterstützt mich mit leichten Korrekturen, denn das hier wird Zentimeterarbeit. Und schon rast die Brücke auf uns zu. Ich halte den Atem an und … durch! Wow, what a feeling! Und zum krönenden Abschluss ruft mein Co-Pilot: “Achtung!” und reißt das Steuer an sich. Die Maschine steigt steil nach oben in den Abendhimmel. Ich werde mit voller Wucht in meinen Sitz gepresst. Es vibriert, knackt und knirscht. Unter uns wird San Francisco kleiner und kleiner. Ist das geil! Und plötzlich steht alles still. Als sei die gesamte Szene eingefroren. “So, Pause.“, sagt mein Co-Pilot und verschwindet durch die Cockpittür nach hinten.

Ich sitze tief beeindruckt auf meinem Pilotensitz und lasse noch einmal den Blick schweifen. Und dann bin ich auf einmal zurück in der Realität. Ich bin ja gar nicht im Himmel über San Francisco. Ich bin auf einem Hinterhof in der Berliner City-West, in dem originalgetreuen Flugsimulator einer Boeing 737. Dieser wird betrieben von der aviare consult GmbH, einem Ingenieurbüro für Luftfahrt-Consulting. Und mit deren Gründer und Geschäftsführer, Dipl.-Ing. Norbert Gronak, bin ich heute zum Interview verabredet. Auf wackligen Beinen steige ich die Treppe vom Simulator herunter, wo Herr Gronak mich schon erwartet. “Na? Wie war San Francisco?”, fragt er augenzwinkernd. Nachdem ich mich wieder an den festen Boden unter meinen Füßen gewöhnt habe, legen wir mit dem Interview los.

Herr Gronak, bitte stellen Sie doch sich und Ihr Unternehmen kurz vor.

Mein Name ist Norbert Gronak, ich bin Berliner, 53 Jahre alt und von Beruf Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Ich habe dieses Fach an der TU-Berlin studiert und nach meinem Abschluss für mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Flugführung an der TU gearbeitet. Danach habe ich mich als Consultant selbständig gemacht. Die aviare consult GmbH habe ich 2009 gegründet und leite diese seitdem als geschäftsführender Gesellschafter. aviare ist vom Grundsatz her ein Ingenieurbüro. Wir beraten weltweit Flughäfen, Behörden und Airlines und entwickeln für diese Gutachten und Studien. Unsere Spezialisierung liegt auf dem Thema Zertifizierung und Zulassung von Flughäfen, ganz gleich, ob diese neu- oder ausgebaut werden sollen.

… und wie ich bereits eindrucksvoll zu spüren bekommen habe, betreiben Sie auch einen eigenen Flugsimulator einer gängigen Passagiermaschine. Wozu das?

Ja, richtig. Wir betreiben hier einen eigenen Flugsimulator vom Typ Boeing 737. Darauf sind wir besonders stolz, weil wir diesen komplett selbst gebaut haben, einschließlich der Bewegungsplattform. Wir nutzen ihn im Rahmen unserer Analysen, Studien und Gutachten, aber auch für Pilotentraining und als Schulungs- und Unterhaltungsprogramm für das breite Publikum. Auch für Events oder Filmproduktionen wird er immer wieder gern gebucht.

Wie kommt man denn auf die verrückte Idee, sich selbst einen kompletten Flugsimulator zu bauen?

Im Rahmen unserer Arbeit ist es immer wieder notwendig, bestimmte Situationen und Gegebenheiten möglichst real zu simulieren, z.B. um geplante Start- und Landerouten zu testen oder die Länge und Beschaffenheit von Start- und Landebahnen. Auch Flugunfallforschung und entsprechende Analysen werden bei uns in Auftrag gegeben. Da haben wir uns dann früher immer im Simulatorzentrum der Lufthansa eingebucht. Das war recht unflexibel und kostspielig. Das wollten wir ändern und uns im Rahmen der Simulatorflüge zeitlich und finanziell unabhängig machen.

Und dann baut man so ein Ding mal eben schnell selbst? Das ist ja nicht gerade LEGO- oder Fischertechnik-Niveau.

Das stimmt natürlich. Sagen wir mal so: die Entscheidung, einen eigenen Simulator besitzen zu wollen, war eines Abends nach zwei Flaschen Wein mit meinem Partner recht schnell gefallen. Das Bauprojekt selbst dauerte dann aber etwa 2-3 Jahre und hat uns zwischenzeitlich fast das Genick gebrochen.

Was ist denn da passiert?

Wir hatten den Auftrag zum Aufbau des Simulators an ein Unternehmen gegeben, welches am Ende völlig unerwartet seine Zusagen nicht eingehalten hat. Nichts lief nach Zeitplan und die Technik funktionierte schließlich nicht wie sie sollte. Es war ein absolutes Desaster. Wir hatten ja in unserem Businessplan fest mit Einnahmen aus dem Simulatorgeschäft kalkuliert. Das drohte nun wegzubrechen. Als dann nach mehreren Monaten Verzögerung der Simulator immer noch nicht einsatzbereit war und sich herausstellte, dass der Dienstleister niemals im Stande sein würde, die geschuldeten Leistungen wie vereinbart zu erbringen, haben wir die Reißleine gezogen.

… und die Sache selbst in die Hand genommen?  

Genau! Wir haben den Dienstleister rausgeschmissen und uns so lange und intensiv mit der Materie beschäftigt, bis wir in der Lage waren, jede Schraube, jeden Knopf und jedes Stück Software im Cockpit eigenständig bis ins kleinste Detail zu verstehen und zum großen Ganzen zu verbauen, einschließlich der Bewegungsplattform unter dem Simulator. Das war natürlich unheimlich aufwändig und hat uns zunächst zeitlich und finanziell weit zurückgeworfen. Der erste offizielle Simulatorflug startete mit rund einem Jahr Verspätung. Wir mussten uns ja noch um unser tägliches Consulting-Geschäft kümmern und haben das Simulator-Bauprojekt in Nacht- und Wochenendschichten bestritten. Das war schon ziemlicher Wahnsinn. Aber als unser Baby dann schließlich “abhob”, war das ein unbeschreibliches Glücksgefühl und wir waren mächtig stolz.

Wenn man sich technisch so gut auskennt wie Sie, fällt es Ihnen und Ihrem Team wahrscheinlich besonders leicht, Ihr Unternehmen ins digitale und vernetzte Zeitalter zu führen?

Naja, hier muss man schon unterscheiden. Natürlich sind wir auf unserem Gebiet Experten. Aber von Internet, Suchmaschinenoptimierung oder Social Media haben wir nicht mehr und nicht weniger Ahnung als andere Mittelstandsunternehmen auch. Wir haben damals im Bereich der Unternehmenskommunikation und -digitalisierung viel in Eigenregie auf den Weg gebracht: digitale Kalender, Tools zur internen Zusammenarbeit, Kunden- und Buchungsdatenbank, eigene Homepage, Anzeigenschaltung bei Google und dergleichen. Wir haben dann aber festgestellt, dass wir uns dazu doch besser Spezialisten ins Haus holen sollten. Wir waren an vielen Stellen einfach nicht mit unseren Resultaten zufrieden. Teilweise wussten wir auch gar nicht, was überhaupt möglich ist und wie man bestimmte Dinge richtig angeht.

… zum Beispiel in den sozialen Medien?

Ja, die sind für mich immer noch befremdlich. Mit Instrumenten wie Facebook, Instagram und dergleichen habe ich nach wie vor gewisse Berührungsängste. Unsere Agentur sagt immer, wir sollten dieses oder jenes Ereignis oder Flugmanöver unbedingt auf facebook, youtube oder was auch immer stellen. Aber ehrlich gesagt, ich denke nicht ständig an Social Media. Nur weil ich mit meiner Boeing 737 unter der Golden Gate Bridge hindurchfliege, muss ich das ja nicht gleich auf Facebook posten (lacht).

Was ja eigentlich schade ist, wenn man sich als Unternehmen beim Konsumenten bekannt machen will.

Ich muss ja selbst kein Social-Media-Liebhaber sein, nur weil mein Unternehmen dort präsent sein soll. Zum Glück bin ich dafür operativ auch gar nicht zuständig. Wir haben seit vielen Jahren unsere Agentur, die das hervorragend für uns macht und der wir voll vertrauen. Die kümmern sich in Absprache mit uns um unsere Website und spielen die Online-Marketing- und Social-Media-Klaviatur für uns erfolgreich rauf- und runter.

Inwiefern ist für die aviare consult GmbH denn Online-Marketing und Social Media überhaupt relevant?

Wir sind ja auf zwei Geschäftsfeldern unterwegs. Zum einen im B2B-Geschäft mit dem Consulting für Flughäfen, Behörden und Airlines. Zum anderen im B2C-Geschäft mit dem Flugsimulator für das breite Publikum. Wir haben es also mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen zu tun. Diese sprechen wir im Netz mit verschiedenen Inhalten auf verschiedenen Kanälen individuell an. Das muss sehr genau koordiniert werden.

Worin unterscheidet sich die Zielgruppen-Ansprache da konkret?

Im Consulting-Bereich bahnen sich die Projekte eher auf persönlicher Ebene und meist durch Weiterempfehlung an. Unsere Consulting-Website dient da also weniger als Kaltakquise-Instrument, sondern ist eher eine digitale Visitenkarte. Ganz anders verhält es sich mit unserer Buchungsseite für den Flugsimulator. Diese bewerben wir im Netz aktiv und arbeiten mit unserer Agentur auch intensiv an Analyse, Auswertung und Optimierung des Buchungsprozesses. Da schalten wir auch Anzeigen auf Google, Facebook und Instagram. Ziel ist, dass möglichst viele Menschen zu uns finden und auf unserer Website eine Flugsession buchen.

Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die wichtigsten Baustellen, wenn es um Digitalisierung geht?

Wir müssen weiter an der Vernetzung und Integration einzelner Software-Insellösungen arbeiten. Viele unserer Geschäftsanwendungen sind irgendwann einmal entstanden und dann historisch gewachsen. Jetzt geht es darum, diese Teile sinnvoll und wirtschaftlich miteinander zu vernetzen und in die Cloud zu überführen. Die Optimierung für den Einsatz auf mobilen Endgeräten ist auch ein zentrales Thema. Insbesondere im Buchungsbereich des Simulators, wo es in Echtzeit um Terminfindung, Reservierung, Buchung, Abrechnung, Ressourcenverwaltung und Transaktionen geht. Da können wir langfristig Kosten einsparen, wenn wir das schlau aufbauen.

Programmieren Sie das selber?

Nein. Darin sehe ich nicht unsere Aufgabe. Wir haben sicher ein paar schlaue Köpfe im Team, die ein Verständnis für Softwareentwicklung haben. Aber so speziell dann auch wieder nicht. Das geben wir raus an unsere Internet-Agentur.

Was sind ihre nächsten Ziele mit der aviare consult GmbH?

Speziell um den Simulator herum haben sich im Laufe der Zeit einige sehr interessante Anwendungsfälle für das breite Publikum herauskristallisiert. Das wollen wir strategisch weiterentwickeln und für unsere Kunden ein stetig verbessertes Infotainment-Angebot rund ums Fliegen zusammenstellen. Außerdem sind wir im Gespräch mit speziell geschulten Psychologen, um individuelle Therapieprogramme gegen Flugangst zu konzipieren. Der Simulator kann dann Teil einer solchen Therapie sein, beispielsweise um Menschen gezielt an bestimmte Situationen und Grenzerfahrungen im Flugzeug heranzuführen.

Aber nun haben ja nicht alle Leute Angst vorm Fliegen. Im Gegenteil, es gibt ja auch die Adrenalinjunkies.

Allerdings! Deshalb werden wir auch im Erlebnisbereich unser Angebot ausbauen und unsere sogenannten Action-Pakete verfeinern und diversifizieren. Die haben sich mittlerweile zum Verkaufsschlager in unserem Geschenke- bzw. Gutscheinrepertoire entwickelt. Bei den Action-Paketen kann der Laie mit professioneller Unterstützung die waghalsigsten Flugmanöver fliegen, z.B. durch den Grand Canyon, unter der Golden Gate Bridge hindurch, im Tiefflug über Berlin und unendlich viel mehr. Je nach Programm fällt dann auch mal eine Düse aus oder man muss mit plötzlicher Rauchentwicklung im Cockpit oder sonstigen Überraschungen kämpfen. Da kommt auch schon mal die Sauerstoffmaske zum Einsatz.

Geben Sie meinen Lesern zum Abschluss noch eine unternehmerische Weisheit mit auf den Weg.

Wo eine Tür zugeht, geht immer auch eine andere auf.

Klingt brilliant. Sie beziehen das auf …?

… unser damaliges Desaster beim Bau des Simulators. Als wir gezwungen waren, unseren Dienstleister unverrichteter Dinge rauszuschmeißen, empfanden wir das zunächst als pure Katastrophe. Aus diesem Grund mussten wir uns in kurzer Zeit und unter großem Druck extrem tief mit der Materie befassen. Da ging es um unsere Existenz. Dadurch sind wir mit der Technik enger zusammengewachsen als wir es uns je hätten vorstellen können. Deshalb ist es uns heute möglich, unseren Simulator ohne fremde Hilfe zu warten und weiter zu entwickeln. Damit haben wir aus der damaligen Not eine Tugend gemacht und sind auf unserem Gebiet einzigartig geworden.

Apropos einzigartig: Jetzt dürfen Sie nochmal so richtig Werbung in eigener Sache machen. Also: Warum sollte ich für einen Simulatorflug zu aviare gehen? Gibt’s im Simulator-Geschäft nicht auch andere Anbieter?

Ja, die gibt es. Aber abgesehen von den Simulatoren in den großen Trainingszentren betreiben wir bei aviare deutschlandweit den einzigen Flugsimulator mit einer Bewegungsplattform.

Ist eine Bewegungsplattform denn so wichtig?

Auf jeden Fall. Das ganze Flugerlebnis wird erst durch die Bewegungen so richtig authentisch. Kurven fliegen, beschleunigen, steigen, sinken, das muss man doch mit dem ganzen Körper spüren. Flugsimulation ohne Bewegung ist wie Schwimmen auf dem Trockenen. Da bleibt das echte Erlebnis auf der Strecke. Davon kann ich nur abraten. Wenn Flugsimulation, dann nur mit Bewegung!

Herr Gronak, ich danke Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Unternehmen.

Weitere Infos auf www.aviare-flugsimulator.de